Jury 2007
Die Jurymitglieder des 11. vfg Nachwuchsförderpreises waren:
Elisabeth Kaufmann, Galeristin, Zürich
Virginie Otth, Fotografin, Lausanne
Melody Gygax, Bildredakteurin der Basler Zeitung, Zürich
Tom Haller, Fotograf, Zürich
Nicolas Faure, Fotograf, Meyrin

Jurybericht
Zürich, 18 Uhr, an einem Freitag.
Grosse, weiss bespannte Tische, darauf 222 Dossiers, die uns erwarten. Wir sind fünf Personen – alle in irgendeiner Weise mit der Photographie verbunden – und ich glaube, es ist jedem so etwas wie eine Ehre, in dieser Jury mit zu arbeiten. Wir beschliessen, grundsätzlich eher Englisch zu reden, so spricht jeder in einer Fremdsprache. Viele Hände präsentieren uns die Bilder auf den Tischen, es fällt einem dadurch leicht, unmittelbar in die photographischen Werke einzutauchen. Beim Anschauen der ersten 20 Arbeiten etablieren sich die Beurteilungskriterien. Wir beschliessen, die erste Runde schweigend durchzuführen. Sujet, Blickwinkel, Risikofreude, Kohärenz der Serie, Umsetzung, mögliche Kriterien tauchen auf, ohne ausgesprochen zu werden. Nach dieser ersten Runde behalten wir 70 Dossiers zurück. Grundsätzlich ein ziemlich grosser Anteil an „dokumentarischen“ Bildern, wenig Spielereien mit „digitaler Bildbearbeitung“, auch nur wenige Portraits, teilweise etwas brave Arbeiten, jedoch grosse Lust, recht viele konstatierende Bilder. Es ist ziemlich spät, wir gehen etwas essen (nicht alle) und kommen also auf andere Themen zu sprechen, schweifen jedoch nie weit von der Photographie ab; es ist als wollten wir den Eindruck der Bilder bewahren, am nächsten Tag sollen sie besprochen werden...
Frühmorgens mit frischen Augen gehen wir die Arbeiten etwas selektiver an: wir besprechen die verschiedenen Arbeiten genauer. Oft enthält eine Serie eine oder zwei sehr starke Bilder – soll die konstante Qualität einer Serie ein Hauptkriterium sein? Fragen kommen auf, ob zum Beispiel dieser Preis eher auf neuartige Arbeiten ausgerichtet ist oder eher konsequente Arbeiten prämiert, oder inwiefern eine schulische Arbeit (sichtlich direkt aus einer Übung entstanden) angemessen ist? Wir geben keine richtigen Antworten auf diese Fragen. Denn da ist all das Unbeschreibbare eines Bildes, weil es sich eben um ein Bild und nicht um Worte handelt; und all dies Unbeschreibbare, das eine Emotion hervorrufen kann, eine Verwirrung, einen Zweifel, ein Lächeln, einen Gedanken; dieses Unbeschreibbare ist in unseren Diskussionen omnipräsent. Gewisse Arbeiten sind nicht sofort zugänglich oder man müsste Zeit haben, die kontextualisierenden, weniger spektakulären Texte dazu zu lesen. Es ist unvermeidbar, dass die Bilder in Bezug aufeinander beurteilt werden; die schwächeren Arbeiten geraten im Vergleich ins Abseits. Ein etwas verschobener, verspielter Blick verführt uns, weil er anders ist: Das Bild zeigt Objekte auf Windschutzscheiben, kleine mobile Welten, die mit viel Freiheit geschaffen wurden. Pros und contras, eine Diskussion und schliesslich wählen wir die Arbeit für die Ausstellung aus.
Die Bilderauswahl geschieht zu einem bestimmten Zeitpunkt mit bestimmten Personen, die Alchemie des Momentes...

Bei der letzten Auswahlrunde kommen die persönlichen Kriterien der verschiedenen Jurymitglieder zum Zug. Alle für die Ausstellung ausgewählten Arbeiten wurden von der Jury einstimmig als interessant sowie als visuell und konzeptuell stimmig befunden; danach werden die Affinitäten der verschiedenen Persönlichkeiten der Jury, unsere Erwartungen, unsere Vorlieben und Anforderungen, unsere Lieblingsstücke und weitere Argumente in die Waage gelegt und die Preisträger erwogen. Der 1. Preis wird mit vier Stimmen zu einer gewählt, die Kohärenz der Arbeit und die sehr gute Umsetzung werden begrüsst. Der 2. Preis zeigt uns eine poetische, erzählerische Welt, die persönliche Sprache dieser Serie hat uns gefallen. Der Ansatz des 3. Preises schien uns sehr interessant mitunter wegen seiner Positionierung gegenüber der journalistischen Presse und der 4. Preis in seiner zweideutigen Beziehung zur Realität – sonderbare Personen an einem ungewöhnlichen Ort, eine wahrhaft künstlerische Arbeit. Ein Bravo an sie alle und danke für die Bilder...

Virginie Otth



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