Katrin Hotz «Vent favorable - l'âme diluée, le coeur entre les dents» oder «Was macht Caspar Wolf heute?»






















"Ich sehe meine Arbeit als eine Art Forschungsreise des Alltags und des Gewöhnlichen. Dabei interessieren mich besonders die Begriffe der Heim-at und des Un-Heim-lichen. Meine Arbeit ist durch das Reisen inspiriert und von meiner eigenen Geschichte geprägt. Die Exkursionen erlauben mir, den Alltag aus der Distanz zu betrachten und mich mit dem mir Fremden und dem Anderen vertraut zu machen. Ich arbeite mit meiner Angst vor dem Unbekannten und mir Unheimlichen, indem ich es bewusst suche. Das Reisen ist ein Zurückziehen, ein kontrolliertes Entfliehen aus dem Alltag, in welchem ich mich so schnell im Alltäglichen verliere.
Die fotografischen Bilder zeigen Armaturenbretter wie ich sie unterwegs angetroffen habe. Die Fotografien nehmen das traditionelle Genre des Stilllebens spielerisch auf. Der Reiz von Darstellung sorgfältig arrangierter, lebloser Gegenstände wie toter Tiere, Haus- und Küchengeräte, Früchte, Blumen, Kostbarkeiten lag lange Zeit in der Wiedergabe der koloristischen Nuancen, der unterschiedlichen Oberflächen und der feine Beleuchtung. In den barocken Stillleben war immer auch eine symbolisch verschlüsselte Botschaft vorhanden. Zitronen waren beispielsweise Sinnbild für das äußerlich Schöne, das im Innern jedoch sauer ist. Bücher waren Anspielung auf nutzlosen Zeitvertreib, erloschene Kerzen auf den Tod.
Meine Bilder sind Stillleben von heute, wobei sich der Code der Repräsentation geändert hat. Die Objekte auf meinen Fotografien sind nicht mehr in der gleichen Weise verschlüsselt, und die Bandbreite der abgebildeten Dinge - alltägliche Konsumgüter - ist grösser geworden. Sie lassen sich weniger eindeutig interpretieren. Trotzdem verkörpern die Gegenstände das Wesen unserer Zeit. War früher der Granatapfel im niederländischen Stillleben Zeichen einer erfolgreichen Kolonisationspolitik, ist heute die Peperoni im Schnee Hinweis auf eine erfolgreiche wirtschaftliche Kolonisation, Globalisation.
In meiner Arbeit beschäftigt mich einerseits die Spannung zwischen formalen Regeln und dem Wissen um die inhaltlichen Traditionen, zwischen Konvention und Zufall. Andererseits versuche ich, die rein ästhetische Ebene einzufangen und die Eigenschaften der Malerei und Fotografie gegeneinander auszuspielen.
Während ich für die Aufnahmen der Nachttische das Licht der jeweiligen Lampe benutze und dies dem Bild eine malerische Stimmung verleiht, kommt bei den Armaturenbrettern der Blitz zum Einsatz, der den Raum in verschiedene Ebenen aufteilt und diesen zugleich zusammenfasst. Die Objekte spiegeln sich in der Frontscheibe, was ein intensiveres Raumgefühl zur Folge hat. Ich benütze den Blitz auch im Bewusstsein, dass dieses kurze, intensive Licht, welches die Gegenstände «erschlägt», anstatt ihre feinstoffliche Oberfläche hervorzuheben, in der Tradition des fotografischen Stilllebens ein Sakrileg ist."

©Text Katrin Hotz



Katrin Hotz, *1976 Glarus / Schweiz

2003 Bachelor of Arts an der Ecole cantonale d’Art du Valais (ECAV) in Sierre
2005 - 2007 absolvierte sie den Studiengang Master of Art in Public Spheres, Ecole cantonale d’Art du Valais in Sierre / Schweiz

Katrin Hotz
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